In der Wis­sen­schaft gibt es ein bemer­kens­wer­tes Prin­zip mit dem Namen “Ock­hams Rasier­mes­ser”. Die­ses Rasier­mes­ser beschreibt nicht die Fol­gen von Kon­troll­ver­lust an den Gren­zen – son­dern die Tat­sa­che, daß die Theo­rie allen ande­ren vor­zu­zie­hen ist, die am ein­fachs­ten den Sach­ver­halt erklärt.
Ange­wen­det auf den der­zei­ti­gen Streit in der Frak­ti­ons­ge­mein­schaft von CDU und CSU gibt es ver­schie­dene Theorien.
Theo­rie 1: Angela Mer­kel möchte die immer stär­ker wer­den­den kon­ser­va­ti­ven Kräfte in der CDU neu­tra­li­sie­ren, die eine Wie­der­her­stel­lung der Recht­staat­lich­keit durch ein robus­tes Grenz­re­gime for­dern, in dem sie ihren Posi­tio­nen nach­gibt und gleich­zei­tig der CSU unter die Arme grei­fen, da die Umfra­ge­werte der aler­ten baju­va­ri­schen Schwes­ter­par­tei für den Aus­gang der Land­tags­wah­len nichts Gutes Ver­hei­ßen – wie da wäre: Koali­tion in Mün­chen mit Grü­nen und Freien Wäh­lern, weil die FDP schei­tert – oder der Hor­ror Groko aus CSU und SPD.
Theo­rie 2: Angela Mer­kel möchte die immer stär­ker wer­den­den kon­ser­va­ti­ven Kräfte in der CDU neu­tra­li­sie­ren, die eine Wie­der­her­stel­lung der Rechts­staat­lich­keit durch ein robus­tes Grenz­re­gime for­dern, in dem sie ihren Posi­tio­nen nach­gibt und gleich­zei­tig die CSU wei­ter schrump­fen, so das die CSU dort lan­det, wo die CDU jetzt schon ist: Allein­re­gie­rungs­fä­hig­keit in wei­ter Ferne – inklu­sive Links­ruck mit schar­fer Abgren­zung nach Rechts und zur AfD.
Theo­rie 3: Horst See­ho­fer als abge­scho­be­nes Alpha-Tier hat gemerkt, daß die CSU als quasi 6-Prozent-Partei bun­des­weit noch hin­ter der SPD in Ber­lin in der Auf­merk­sam­keit Mer­kels ran­giert und zur poli­ti­schen Lach­num­mer ver­kom­men ist und macht sich bemerk­bar, weil die gan­zen Char­gen in der bay­ri­schen Staats­kanz­lei mehr Angst als Vater­lands­liebe vor der Land­tags­wahl im Herbst haben, da das poli­ti­sche Macht­ge­füge nach der Wahl im Frei­staat nicht mehr das glei­che sein wird wie in den ver­gan­ge­nen 72 Jah­ren, denn die AfD liegt der­zeit bei 15 Pro­zent in Bay­ern.
(Rand­no­tiz: Die Ver­fas­sungs­feinde saßen 1949 in Mün­chen und auf den Empo­ren der katho­li­schen Kir­che. Bay­ern lehnte das Grund­ge­setz am 20. Mai 1949 ab, da es zuwe­nig auf bay­ri­sche Inter­es­sen Rück­sicht nahm – es wurde aber trotz­dem gül­tig, weil mehr als 2/3 der Bun­des­län­der dem Grund­ge­setz zustimm­ten – wäh­rend die katho­li­sche Kir­che drohte, von der Kan­zel die Gläu­bi­gen auf­zu­for­dern im Falle einer Volks­ab­stim­mung gegen das Grund­ge­setz zu stim­men, da kon­fes­sio­nelle Begehr­lich­kei­ten nicht genug berück­sich­tigt wurden)
Theo­rie 4: Drei Monate nach der Regie­rungs­bil­dung sind die Gemein­sam­kei­ten der Koali­tion auf­ge­braucht und die CSU rea­li­siert, daß Mer­kel nicht nur die bei­den Ex– bzw. Wie­der­ko­ali­ti­ons­part­ner SPD und FDP rui­niert hat – son­dern auch sie und ver­sucht zu ret­ten, was zu ret­ten ist – selbst wenn ein Rück­zug auf Bay­ern not­wen­dig ist um nicht noch mehr an die AfD zu verlieren.
Egal wel­che Theo­rie nun nach Ock­hams Rasier­mes­ser obsiegt – am Ende die­ser Krise wird ein tief­sit­zen­des Miß­trauen der Koali­tio­näre übrig blei­ben – und die Erkennt­nis der Bür­ger, daß Berufs­po­li­ti­ker kein Beruf ist – son­dern ein durch die Rea­li­täts­er­fah­rung berech­tig­tes Schimpf­wort. Und hier kommt ein Wesens­zug von Angela Mer­kel zum Zuge, der vie­len, die in der DDR sozia­li­siert wur­den, inne sitzt: Der reflex­ar­tige Soli­da­ri­täts­ge­danke, der davon aus­geht, daß alle Men­schen oder Staa­ten zum Wohle – von was auch immer– ego­is­ti­sche – und damit unso­zia­lis­ti­sche – Ziele ableh­nen müs­sen. Selbst wenn diese angeb­li­chen ego­is­ti­schen Ziele für den Staat bes­ser sind als der Eine-Welt-piep-piep-piep-wir-haben-uns-alle-lieb Unsinn.
Diese staats­schäd­li­che Soli­da­ri­tät, die man in der Ex-DDR daran erkannte, daß sich vor vie­len der Plat­ten­bau­ten nie­mand bemühte, daß Unkraut zu besei­ti­gen, da jeder davon aus­ging, daß “der Staat oder wer auch immer” schon dafür sor­gen werde – diese staats­schäd­li­che Soli­da­ri­tät und deren Fol­gen zu Unguns­ten Deutsch­lands wird die Poli­tik nach­hal­tig beein­flu­ßen. Denn der Weg der Par­teien ist vor­ge­zeich­net, weil sie über kurz oder lang dort demo­gra­phisch lan­den wer­den, wo die Bevöl­ke­rung ist: In einer mul­ti­plen gespal­te­nen – nicht mul­ti­kul­tu­rell ver­ei­nig­ten – Gesell­schaft, in der jede Par­tei nur noch ihre Kli­en­tel bedient und zukünf­tige Regie­run­gen eher einem Klub von Scha­che­ren anmu­ten wer­den als einer Volksvertretung.
Dies bedeu­tet aber auch, daß eine Spal­tung von CDU und CSU nur noch ein “Wann” und nicht ein “Ob” ist – und die Chan­cen für eine bun­des­weite CSU bei 14 Pro­zent sehr viel höher ste­hen als einer CDU Bay­ern bei 20% – was ein bun­des­wei­ter Ent­spre­chung von 3% wäre.
Soge­se­hen sollte man also für die Zukunft eher von sie­ben als von sechs Par­teien im Bun­des­tag aus­ge­hen – wobei man sich mit dem Gedan­ken anfreun­den muß, daß Minderheits-Regierungen oder bis jetzt undenk­bare 4+X Koali­tio­nen zur Nor­ma­li­tät wer­den. Und weil jede Par­tei – ohne Aus­nahme – Per­so­nal zu ver­sor­gen hat, wird ein Bun­des­tag 800+X eher die Rea­li­tät wer­den als ein 600-X. Wahl­rechts­re­for­men wird es nicht mehr geben – das weiß auch ein Herr Schäu­ble und schweigt.
Das ist das Erbe, wel­ches Angela Mer­kel nach 13+X Jah­ren Regie­rungs­un­ver­ant­wort­lichkkeit hin­ter­las­sen wird – eine beschä­digte Repu­blik, die sich noch auf den Lor­bee­ren von Export­über­schüs­sen, Schum­mel­die­seln und Lohn­dum­ping aus­ruht, obwohl die Popu­lis­ten in ande­ren Län­dern die­ses  Modell längst zum Abschuß frei­ge­ge­ben haben, da sie erkannt haben, daß gren­zen­lose Soli­da­ri­tät in gren­zen­lo­ser Bar­ba­rei, Unver­ant­wort­lich­keit und Armut endet.
Frank Sche­rie