Der­zeit rollt nicht nur auf Deutsch­land son­dern auf alle indus­tri­ell gepräg­ten Natio­nen eine Welle zu, deren Aus­wir­kun­gen nicht zu unter­schät­zen ist. Dabei han­delt es sich nicht um eine sin­gu­lä­res Ereig­nis son­dern um eine ganze Wel­len­front, die tief­grei­fende Umwäl­zun­gen mit sich brin­gen wird.
Die Älte­ren in der pro­du­zie­ren­den Indus­trie wer­den sich noch an die zag­haf­ten Schritte bei der Auto­ma­ti­sie­rung erin­nern – ange­fan­gen Mitte der 1970er. Bezeich­nend waren damals Sys­teme, die zwar manu­elle Schritte über­flüs­sig mach­ten und damit Anlern­tä­tig­kei­ten im gro­ßen Stil weg­ra­tio­na­li­sier­ten – gleich­zei­tig aber auto­nom waren. Sprich: Eine Pro­duk­ti­ons­straße konnte ohne Öko­sys­tem um sich herum nicht funk­tio­nie­ren – sei es durch das Beschi­cken mit Ein­gangs­pro­duk­ten und Werk­stof­fen, daß Abfah­ren von End­pro­duk­ten, Abfall – oder das Bestell­we­sen und den Vertrieb.
 Treibt man die­ses Modell wei­ter und inte­griert auto­nome agie­rende, mit begrenz­ter Intel­li­genz aus­ge­rüs­tete Robo­ter, Trans­port­platt­for­men etc. in ein sol­ches Sys­tem und kop­pelt dies mit ent­spre­chen­den IT-Systemen und Pro­gram­men für Pro­duk­tion, Bestell­we­sen, Lager­hal­tung, Absatz und Auf­trags­we­sen, die die Pro­duk­tion in ein­zelne Pro­zesse bzw. Pro­zess­bau­steine modu­la­ri­sie­ren und wel­che unter­ein­an­der ohne Zutun kom­mu­ni­zie­ren kön­nen und sich selbst­stän­dig opti­mie­ren und anpas­sen kön­nen, so steht am Ende das, was man als Indus­trie 4.0 bezeichnet.
 Das sol­che Sys­teme hoch– und höchst­qua­li­fi­zierte Arbeit­neh­mer erfor­dert ist klar. Aller­dings sollte jedem klar sein, daß die Gehäl­ter die­ser Arbeit­neh­mer in Summe sehr viel gerin­ger sein wer­den wie die Gehäl­ter der Arbeit­neh­mer, die in einem sol­chen Sys­tem über­flüs­sig wer­den. Wäre das nicht so, würde des Sys­tem kein Sinn machen – natür­lich kön­nen Kri­ti­ker ein­wer­fen, man müsse auf Fach­ar­bei­ter­man­gel rea­gie­ren. Dies ist kor­rekt – aber diese wer­den durch das Sys­tem über­mä­ßig weg­ra­tio­na­li­siert wer­den. Die der­zei­tige Dis­kus­sion um den Man­gel ist also nur temporär.
Noch wei­ter gedacht wird klar, daß die durch die hoch– und höchst­qua­li­fi­zier­ten Arbeit­neh­mer erbrach­ten Lohn– und Ein­kom­men­steu­ern – selbst bei höhe­rem Gehalt – in Summe gerin­ger sein wer­den als wie die Summe der Lohn– und Ein­kom­men­steu­ern der über­flüs­sig gewor­de­nen Arbeit­neh­mern. Dem Staat droht hier einer­seits ein Steu­er­loch – und ande­rer­seits durch erhöhte Auf­wen­dun­gen für Sozi­al­leis­tun­gen wie Arbeits­lo­sen­geld etc. sehr viel höhere Aus­ga­ben. Ein­fach gespro­chen: Es kommt weni­ger rein – dafür muß mehr aus­ge­ge­ben wer­den. Sei­ten­ef­fekte wie Abwan­de­rung von hoch– und höchst­qua­li­fi­zier­ten Arbeit­neh­mer wegen über­bor­den­der Steu­er­last sind auch nicht zu unter­schät­zen. Denn gerade diese sind heute hoch­mo­bil und auf Staa­ten nicht fest­ge­legt. Das ver­stärkt eine Abwärts­spi­rale. Gleich­zei­tig wird der Sockel an Langzeit-Arbeitssuchenden wach­sen, die zwar wil­lig sind – aber nicht fähig sind, in einem sol­chen Sys­tem am Arbeits­markt zu par­ti­zi­pie­ren – denn nicht jeder kann Soft­ware schrei­ben oder kom­plexe Pro­zesse ent­schlüs­seln oder orchestrieren.
 Dies in Kom­bi­na­tion mit inter­na­tio­na­len Kon­zer­nen, die nicht dort die Steu­ern ent­rich­ten wo die Pro­duk­tion und Wert­schöp­fung geschieht und Infra­struk­tur „ver­braucht“ wird, son­dern ihren Sitz in Niedrigsteuer-Oasen haben, macht klar, daß Indus­trie 4.0 zwar große Chan­cen bie­tet – aber bei unkon­trol­lier­tem Wachs­tum ganze Gemein­we­sen nach­hal­tig schä­di­gen kann. Ange­fan­gen bei einer Stadt und endend bei Staa­ten, Wirt­schafts­räu­men und der Welt­wirt­schaft. Ver­säu­men Staa­ten recht­zei­tig sinn­volle Schran­ken ein­zu­zie­hen, wer­den sie es in kür­zes­ter Zeit mit sozia­len Unru­hen zu tun bekom­men. Und es ist dann nur noch eine Frage der Zeit, daß Arbeit­neh­mer sich dadurch weh­ren, daß man die ange­spro­che­nen Pro­zesse mit unsin­ni­gen Para­me­tern über­steu­ert, um das Sys­tem zu sabo­tie­ren. Denn sol­che Pro­zesse etc. sind in der Indus­trie 4.0 der „Sabot“ – der Holz­schuh, den die Maschi­nen­stür­mer in die Maschi­nen war­fen um sie zu stop­pen. Und die Ers­ten, die es tref­fen wird, ist die gut aus­ge­bil­dete Mit­tel­schicht. Sel­bige, die den über­gro­ßen Teil der Bevöl­ke­rung und des Gemein­we­sens aus­macht. Bricht diese weg, ist der Staat nicht lebens­fä­hig. Und das gilt für alle Staa­ten. Und für alle pro­zess­ge­steu­er­ten Indus­trien – ob Elek­tro­mo­to­ren oder Finanz­pro­dukte pro­du­ziert wer­den. Letz­tere Spar­ten sind sogar noch gefähr­de­ter, weil vir­tu­ell und nicht phy­si­sche Pro­duk­ti­ons­an­la­gen erfor­dernd und damit glo­bal auslagerbar.
 Ob und wie weit Steu­ern für Robo­ter, Pro­zesse, Pro­gramme etc. erho­ben wer­den sol­len – und noch wich­ti­ger: Über­haupt kön­nen – steht im Span­nungs­feld zur welt­wei­ten Kon­kur­renz. Letzt­lich kommt man mit der Indus­trie 4.0 an eine gesell­schaft­li­che Grenze, wo man vor­be­halt­los dis­ku­tie­ren muß, ob diese Ent­wick­lung nicht letzt­lich die Mensch­heit in eine Sinn­krise stürzt, die dar­aus her rührt, das Sel­bige sich letzt­lich über­flüs­sig gemacht hat.
Herr Marx mit sei­nem Mehr­wert hat in die­sem Umfeld nur noch begrenzte Gül­tig­keit. Und unap­pe­tit­li­che Anläufe – jedoch unter ande­ren Umstän­den – sind ja schon in der Volks­re­pu­blik China gran­dios geschei­tert. Stich­wort: Ein-Kind-Doktrin. Einen leich­ten Vor­ge­schmack auf Indus­trie 4.0 hat man in Enne­pe­tal jedoch bereits – Stich­wort: Weg­bre­chende Gewer­be­steuer bei gleich­zei­tig maro­der Infra­struk­tur und stei­gen­den Steu­ern (Grund­steuer B) für die, die nicht weg kön­nen oder wollen.
 Frank Scherie